18.10.2018

Die spinnen, die Philosophen!

Von Oliver Ohlhagen
Text | Konzeption

Die spinnen, die Philosophen! Allen voran Richard David Precht.

Allen voran Richard David Precht. Vor 800 Gästen – und im Anschluss mit 6 Diskussionspartnern – spann er am 4. Oktober in der Attendorner Stadthalle Gedanken rund um die Zukunft eines Begriffes, der in den letzten 200 Jahren von enormer Bedeutung gewesen ist: die so genannte „Arbeit“.

Das Motto des Zukunftsforums 2018 trug bei aller Aufbruchsstimmung auch einen gewissen Existentialismus in sich: „New Work oder wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen.“ Dazu kam ein weiterer Begriff, der nicht minder komplex ist: Digitalisierung.

Ein erstklassiges Betätigungsfeld für Philosophen! Denn – so Precht: „die Philosophie blüht in Krisenzeiten. Zuerst zu Zeiten der attischen Demokratie, als die in die Binsen ging, dann zu Zeiten der Aufklärung, als die Herrschaft des Adels nicht mehr legitimiert war und nun gegenwärtig – beim Abschied der bürgerlichen Gesellschaft wie sie vor 200 Jahren entstanden ist. Inmitten der vierten industriellen Revolution, inmitten der Digitalisierung“.

Dass wir in revolutionären Zeiten leben, würden wir zwar wissen, so der Philosoph, aber halt nicht glauben. Wie auch? Auf den Marktplätzen des Landes würden keine Bürgermeister „hängen“, an den Kirchen keine Bischöfe und nirgends Barrikaden brennen. Revolution fühle sich irgendwie anders an.

Sein Mittel um das Bewusstsein für diese Revolution zu schärfen – und zugleich die „Legitimierung“ des Philosophen vor einem Publikum über die „Algorithmisierung des Lebens“ zu sprechen: Den Sachverstand aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Technologie, Pädagogik und Geschichte als Knotenpunkte zu nutzen und diese miteinander zu verknüpfen, um so Überlegungen über die Zukunft der Arbeit zu spinnen.

Erster Knotenpunkt: Vierte industrielle Revolution und zweites Maschinenzeitalter

Die erste industrielle Revolution ist die Geburtsstunde der bürgerlichen Arbeits- und Leistungsgesellschaft und der Beginn der Industrieproduktion. Die zweite industrielle Revolution bedeutet die Elektrifizierung der Produktion und der Beginn der industriellen Massenproduktion. Die dritte industrielle Revolution ist gekennzeichnet durch die Entstehung der ersten Personal Computer in den 1970/80er Jahren. Heute kommen wir in der Digitalisierung in eine Zeit, in der hochintelligente Maschinen untereinander kommunizieren. Und das ist nicht nur die vierte industrielle Revolution, sondern auch ein anderes Schema: das zweite Maschinenzeitalter. Während die ersten drei industriellen Revolutionen einer gewissen DNA folgten, bei der es darum ging, menschliche Arbeitsleistung zu ersetzen, kommt es jetzt dazu, dass menschliche Intelligenz ersetzt wird.

Die Folgen könnten Tsunami-artig sein: Ebenso wie erste industrielle Revolution hat auch die Digitalisierung die Kraft, die gesamte gesellschaftliche DNA zu verändern. Dazu Precht: „Es deutet relativ viel darauf hin, dass dieser Abschnitt der mit der ersten industrielle Revolution entstanden ist … durch das was jetzt kommt, allmählich zu Ende geht. Es wird auch in 20 Jahren noch Leute geben, die für Lohn arbeiten … aber es wird nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung sein. Und das ist eine gewaltige Veränderung im Betriebssystem unserer Gesellschaft.“

Zweiter Knotenpunkt: Die Digitalisierung schafft Millionen neuer Arbeitsplätze für Maschinen, die keine Sozialabgaben zahlen.

Birgt die Zukunft große Arbeitslosigkeit? Oder entstehen Millionen neue Jobs? In seinen Ausführungen machte Precht klar, dass sich dazu zwei Positionen konträr gegenüberstehen. Position eins beruht auf der Kompensationstheorie von David Ricardo aus dem Jahre 1817: der technische Fortschritt schafft immer mehr neue Arbeit, als er vernichtet. Position zwei – von einer Mehrheit der Ökonomen getragen – besagt: der Strukturwandel durch die digitalisierte Arbeitswelt von morgen kann nicht über die Kompensationstheorie ausgeglichen werden.

Heute konkurrieren die Volkswirtschaften von 2 Milliarden Menschen auf den bestehenden Märkten. „Und was auch immer man mit der Digitalisierung macht, sie schafft keine gewaltigen neuen Märkte die bislang unentdeckt waren, sondern sie macht bestehende Märkte effizienter“.

Firmen, die den Plan hegen, zukünftig Mitarbeitern den vorzeitigen Ruhestand zu versüßen, nicht mehr so viele Leute einzustellen und stattdessen Maschinen und Roboter bestimmte Arbeiten machen zu lassen, verweist Precht auf die Tatsache, dass „Maschinen keine Sozialabgaben zahlen und – noch viel wichtiger – nicht konsumieren. Das hat dramatische Folgen für unsere Art von Wirtschaft. Wenn die nämlich keine Sozialabgaben mehr zahlen, aber alle immer älter werden, dann wird unten so gut wie nix mehr eingezahlt und oben muss immer mehr ausgezahlt werden – und das ist das Ende unserer sozialen Sicherungssysteme wie wir sie bisher kannten.“

Dritter Knotenpunkt: Die sozialen Sicherungssysteme müssen finanziert werden. Die Kaufkraft muss aufrecht gehalten werden. Wie geht das und wer zahlt das?

Eine Lösungsmöglichkeit ist das bedingungslose Grundeinkommen. Die Prechtsche Idee dahinter: „Jeder bekommt 1.500 Euro als Grundversorgung zur Steigerung seiner Kreativität und Arbeitsmotivation. Wenn jemand etwas dazu verdient, dann darf er das behalten. Folge: die Arbeitsmotivation wird extrem gesteigert.

Ein einfaches Beispiel – mit viel Applaus im Saal: „Die SPD macht seit 30 Jahren Wahlkampf mit der alleinerziehenden Krankenschwester mit 2 Kindern, die ihre Miete nicht bezahlen kann. Wenn man wirklich was dafür tun wollte, würde man ihr ein Grundeinkommen zahlen. Sie würde nur noch halbtags als Krankenschwester arbeiten, verdient mit den, sagen wir 1.000 Euro die sie dann dazuverdient plus 1.500 Euro, die sie als Grundeinkommen hat, mehr als vorher und hat doppelt so viel Zeit für ihre Kinder.“

Wer das bezahlen soll? Dazu Precht: „Warum besteuern wir ausgerechnet Arbeit? Das habe ich noch nie verstanden. Ich bin dafür, dort Steuern zu erheben, wo Geld sich ohne Arbeit vermehrt. Mal ganz praktisch: Die Summe der von deutschen Banken und Wertpapierhaltern an der Börse umgesetzten Geldes: 240 Billionen. Wenn ich nur eine Billion von den 240 hätte, wäre der Sozialstaat finanziert. Auch das Bedingungslose Grundeinkommen!“

Das Sprungbrett zu der anschließenden Podiumsdiskussion – in der sich der Punkt „Schulpolitik“ unter viel Applaus für alle Teilnehmer zu einem zentralen Thema entwickelte – bereitete Precht mit seiner Zusammenfassung, die zugleich ein Aufruf ist: „Ich glaube, dass sich die klassische Arbeits- und Leistungsgesellschaft wie sie bisher war, langsam verflüchtigen wird, zugunsten einer anderen Vorstellung von Arbeit. Es wird sich nicht alles ändern, aber es wird sich in der Breite viel ändern. Wir müssen unser Verhältnis zur Arbeit daher ändern – nicht das wir ‚fauler werden, sondern viel sinnbestimmter; dass wir in Ruhe überlegen können: was will ich machen oder ändern. In der Jugend ist der Prozess längst in Gange. Wir müssen jetzt die Strukturen dafür schaffen, damit wir durch die Digitalisierung nicht nur unbeschadet, sondern mit kollektivem Gewinn und zum Segen der meisten durchkommen werden.“

Bildergalerie und mehr:

das-zukunftsforum.com

Bericht in der WDR Mediathek:

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Themen: Employer Branding, Leadership Branding