27.8.2018

Den Imagefilm im Unternehmen selbst produzieren – Ein fiktives Szenario

Von Roland Fechter
Projektentwicklung Film
Den Imagefilm im Unternehmen selbst produzieren: Ein fiktives Szenario

„Was? So teuer wird das? Was die da machen, können wir auch! Das machen Sie mal schön selbst!“ – der CEO. So oder ähnlich verlaufen des Öfteren erste, vorsichtige Gespräche zwischen Marketing und GF, wenn es darum geht, sich des Themas „Imagefilm“ anzunehmen und diesen selbst zu produzieren. Man beachte in der oben geschilderten Szene bitte das FETT Gedruckte...

Denn wer im Rahmen pflichtbewusster Ausübung eines Jobs im Marketing seines Traum-Unternehmens schon alle Argumente des Für und Wider für sich abgewogen hat und zum Entschluss gekommen ist, dass es 12 Jahre nach dem Start einer kleinen Videoplattform (ja, YouTube ist gemeint) soweit wäre, hier mitzumischen, um vorn dabei zu sein, sieht sich oft einer entscheidenden Hürde entgegen gestellt.

Das Budget

„Mehr als 3000€ gebe ich für so eine Spielerei nicht aus. Was interessiert es mich, ob die Kids auf dem Schulhof uns bei YouTube finden oder nicht. Ich finde Facebook ja schon Quatsch. Das wird doch wohl auch für kleines Geld machbar sein. Die Konkurrenz hat das auch geschafft.“ – erneut der CEO.

Aber wie wichtig Film und Bewegtbild heute für den Unternehmensauftritt sind, das wissen Sie selbst besser! Sie wollen es dem Chef beweisen und richtig „einen raushauen“. Somit liegt die Idee ja nahe, einfach selbst die Kamera in die Hand zu nehmen und den Film zu drehen. Für 3000€ bekommen Sie zwar keine Filmcrew aber immerhin eine ganz nette Kamera. Warum also nicht?

Konkrete Überlegungen

Die Überlegungen im Vorfeld haben Sie ja alle schon angestellt: Wer ist meine Zielgruppe? Was möchte ich zeigen? Wie möchte ich es zeigen? Wo wird gedreht? Wer steht vor, wer hinter der Kamera? Wie lang wird mein Film? Was ist die Aussage?

Kurzum: das Ganze hat Sie hier schon etliche Stunden an Vorbereitung gekostet. Irgendwie muss man nun die gute Idee auch innerbetrieblich an den Mann bringen, ohne Unterstützung wird das ja sonst nichts...

Aber hey, gut gewappnet begeben Sie sich ans Storyboard und stellen schnell etwas fest: Sie sind im Zeichnen gar nicht so gut, wie Mama und Kunstlehrer Ihnen einst glauben machen wollten. Etwas händisch basteln Sie also Ihr Storyboard zusammen und lassen sich von der Auszubildenden und dem schnell erstellten Account bei der Bilddatenbank dabei unterstützen. Es vergehen einige Stunden. Das Resultat reicht dann zum Glück, um ein paar tapfere Seelen mit ins Boot zu holen und den Chef davon zu überzeugen, dass die 3000€ für eine Kamera gut angelegt sein werden.

Mehr als nur die Kamera

Umjubelt werden Sie hier aber leider noch nicht. Es ist eben schwierig, ohne Budget einen Film vorzustellen, den es, außer im eigenen Kopf, noch nicht gibt. Trotzdem: Sie kaufen die Kamera! Sie haben sich im Fachhandel und online informiert, eine gute Mittelklasse-Kamera mit sehr flexiblen Zoom-Objektiv erworben und starten am nächsten Tag mit den Dreharbeiten.

Und stellen direkt bei der ersten Szene {Szene 1: Wir betreten die Werkshalle, überall wird gearbeitet, geschäftiges Treiben} fest, dass es mit der Kamera allein nicht getan ist.

Das flexible Zoom-Objektiv ist zwar prima für Urlaubsaufnahmen bei Sonne im Freien geeignet, den widrigen Lichtverhältnissen einer industriellen Werkshalle vermag es allerdings nichts entgegen zu halten. Es ist einfach zu dunkel, ein lichtstarkes Objektiv war nicht mehr drin im Budget.

Das Bühnenbild

Egal! Sie sind Problemlöser! Sie nehmen also die Beine in die Hand und organisieren die Bauleuchten, die seit der Erweiterung des Anbaus im Keller einstauben. Jetzt sind Sie dreckig. Dafür ist es schön hell. Und in null Komma nichts auch schön warm. Sehr sehr warm.

Bereits nach der ersten Szene schwitzen Sie, Ihre Protagonisten und die Auszubildende, die als Assistentin mitgekommen ist. Aber das ist nicht schlimm. Bis zur nächsten Szene vergehen etliche Minuten, da Sie – Kabel und Bimetallschalter in der Bauleuchte sei Dank – warten müssen, bis diese abgekühlt ist und sich nach dem Standortwechsel wieder einschalten lässt.

Sie beschließen, sich bis dahin von der Schlepperei aus zu ruhen. Die erste Szene hat somit schon mal 1/3 Ihres Drehtages verbraucht.

Die Technik, die Technik

In der Zwischenzeit haben Sie Zeit, noch weitere Dinge fest zu stellen, die so nicht vorgesehen waren:

  • Das Objektiv ist nicht nur wenig lichtstark, sondern kann auch Details schlecht abbilden. Die coolen Closeups der Produkte mit der tollen Unschärfe {Szene 2 im Drehbuch} lassen sich so nicht realisieren. Wenn Sie sich nähern, ist alles unscharf. Okay, dann eben ohne.
  • Die Speicherkarte ist fast schon voll, dabei haben Sie doch die 32GB-Variante gekauft. Hm. Wohl schlecht beraten worden.
  • Auch die Gesamtansicht der Halle bekommen Sie nicht so recht hin. Der Blickwinkel des Objektives reicht einfach nicht aus, um die {Szene 3: Eindrucksvolle Weite der Halle mit kompletter Prozesskette innerhalb der Abteilung} darzustellen. Alles sieht ein wenig mickrig und kleinkariert aus.

Etwas ernüchtert beschließen Sie nun, nach 3 Stunden Arbeit, das erbeutete Material zu sichten, die Speicherkarte zu leeren, den einzigen Akku der Kamera zu laden und schon mal etwas am Rechner zu schneiden. Und Ihr Hemd zu trocknen.

Da lauert allerdings schon das nächste Problem. Nachdem das Kopieren der Daten die gesamte Mittagspause gedauert hat, stellen Sie fest, dass das Freeware- Schnittprogramm (immerhin auf Chip.de für „gut“ befunden!) auf Grund des fortgeschrittenen Alters Ihres Firmennotebooks nicht im Stande ist, die Daten zu öffnen.

Aber Sie wollen ja auch noch nichts schneiden, das kommt ja immer erst am Ende der Dreharbeiten. Und Probleme sollte man ja auch erst lösen, wenn Sie auftreten. Vorerst also zu vernachlässigen!

Sie beschließen also, den Windows Media Player mit einem einzelnen Clip zu füttern, um wenigstens ein Erfolgserlebnis zu haben und sich Ihr Tagewerk überhaupt ansehen zu können.

Nachdem der Media Player mehrere Updates und ergänzende Videocodecs installiert hat (in 2 Stunden wollten Sie Feierabend machen...) ist es dann soweit: Das Video wird abgespielt! Also mehr oder weniger. Es handelt sich eher um ein sehr schleppendes Daumenkino, was da zu sehen ist. Die Perfomance Ihres Notebooks erzeugt eine Arie von Standbildern, die den Gedanken daran, hier etwas raus zu schneiden, völlig sterben lässt. Das wäre ja noch nicht schlimm, ein neues Notebook kann man sicher irgendwie organisieren, wenn man erst den Chef von der herausragenden Qualität und dem Potential des Materials überzeugt hat!

Was Sie aber im Zuge der Diashow sehen, lässt leider auch inhaltlich nichts Gutes ahnen. Das Bild ist völlig verwackelt, die „Kamerafahrten“ aus der Hand sehen aus, wie unter schweren Erfrierungskrämpfen gedreht. Das Licht hat einen extremen Blaustich, die gefilmten Kollegen sehen krank und blass aus. Jedenfalls die, die man erkennen kann. Die Baulichter haben entweder die Gesichter der Kollegen so hell werden lassen, dass diese wie konturlose Aliens wirken, oder die automatische Belichtungskorrektur der Kamera hat dazu geführt, dass die Gesichter zwar zu erkennen, der Hintergrund und das Drumherum aber in einem tiefen Nachtschwarz verschwinden. Und alle sind verschwitzt. Außerdem rauscht das Bild wie eine Urlaubaufnahme aus den Siebzigern. Und irgendwie sieht alles platt aus. Das Bild hat irgendwie keine Tiefe, keine Atmosphäre. Wie das Hochzeitvideo von Onkel Heinz. Was auf dem Display so gut aussah, war wohl doch nicht ganz so doll. Gar nicht aus zu denken, wenn das im Büro des Chefs auf dem 80 Zoll Screen mit 4K Bild läuft.

und der Sound?

Vielleicht hilft es ja, wenn man Musik drunter legt? Und einen Sprecher? Vielleicht prominent?! Ums kurz zu machen: Sie stellen sehr schnell fest, dass es GEMA-freie Musik in 3 Kategorien gibt:

  • Sehr teuer (mehr als Ihr gesamtes Budegt für den Film)
  • Sehr oft gehört („Moment, das klingt doch wie in dem Film von der Konkurrenz...“)
  • Einfach sehr schlecht.

Sprecher gibt es leider auch nie kostenlos. Denn die sind einfach immer teuer. Egal ob gut oder schlecht. „Dabei sprechen die nur! Was die verdienen! Wenn Ich das gewusst hätte! Nicht mit mir!“ Nach dem kurzen Selbstversuch mit der Diktierfunktion Ihres Firmenhandys geben Sie sich aber auch hier ernüchtert. „Sprecher“ ist doch ein Beruf, den man erlernen muss.

Etwas resigniert ziehen Sie Resümee:

Der Tag ist rum. Sie haben keine ordentlichen Bilder, die Sie somit auch nicht verarbeiten oder mit Musik und Sprecher hinterlegen könnten. Sie sind müde, dreckig, und machen sich Sorgen, wie sie Szene 4-15 in den Kasten bekommen sollen, bevor Ihr ehrgeiziger Idealismus über den bodenständigen Realismus die Oberhand gewinnt.

Der entscheidende Gedanke kommt Ihnen dann wie immer im Stau auf den Weg nach Hause. Sie werden morgen Ihr Notebook nehmen, mit Kamera und Material zu Ihrem Chef gehen und Ihn am Erlebten teilhaben lassen. Denn immerhin lässt sich dies alles als Argumentationshilfe für einen neuen, professionell betreuten Film verwenden. Sie werden dieses Budget bekommen!

Und das war Ihnen all die Mühe dann doch wieder wert.

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Themen: Film