12.4.2019

Das Beste kommt zum Schluss: Anstatt Rente lieber „fette Beute“!

Von Ruth Schulz-Wiemann
Assistenz der Geschäftsführung

Das Beste kommt zum Schluss: Anstatt Rente lieber „fette Beute“!

„Musst Du Dir das denn noch antun?!“ war die Frage, mit der ich ständig konfrontiert wurde, als Kollegen und Freunde von mir erfuhren, dass ich meine Zeit mit dem Schreiben von Bewerbungen verbrachte, nachdem klar war, dass das Unternehmen, bei dem ich über sieben Jahre beschäftigt war, in die Insolvenz geraten würde.

Tatsächlich war ich bereits sechzig, doch die Option einer frühzeitigen Pensionierung war mir bis dato überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen, zumal mir auch mein Spiegelbild nicht sagte, dass es „jetzt Zeit war“, sich aus der Berufswelt zu verabschieden. Nach einer klassischen Rentnerin sah ich einfach nicht aus.

Voller Energie, doch wohin damit?!

Ganz im Gegenteil fühlte ich mich nicht minder energetisch als zuvor und machte mir Gedanken, wie ich meine weitere Zukunft verbringen wollte, ohne in die Arbeitslosigkeit zu geraten. Für das „süße Nichtstun“ war ich noch nicht bereit. Spät aufstehen und viel Freizeit, lange Spaziergänge mit Hund und Pferd liebe ich an den Wochenenden und im Urlaub, aber so konnte doch noch nicht mein Alltag aussehen! Ich verfügte doch über jede Menge Berufserfahrung, blickte auf rund vierzig spannende Jahre voller Aktivität zurück und … ich litt weder an Demenz noch an anderen Gebrechen, war fit im Kopf und “funktionierte einwandfrei“, sagte ich mir, aber … das interessierte niemanden mehr, das wollte einfach keiner wissen!

Je intensiver ich mich mit den geläufigen Jobbörsen befasste und mich auf „stepstone“, „monster.de“, „kimeta“, „indeed“ und wie sie alle heißen, informierte und mich auf alle möglichen Stellenangebote bewarb, umso mehr verstärkte sich mein persönlicher Eindruck, aussortiert zu werden. Die Absagen hörten sich alle gleich an; das musste ein Textbaustein der Personalabteilungen sein, mit dem ich immer wieder informiert wurde, dass „es nichts mit meiner Person zu tun habe, dass jemand anderer einfach noch besser ins Profil passe“ als ich.

Natürlich ist auch mir klar, dass meine Konkurrenz täglich größer wird, dass jede Menge Berufsanfänger und junge Fachkräfte „mit den Hufen scharrt“, um sich einen guten Job zu schnappen, bei dem eine schnelle Karriere mit top Bezahlung im Fokus steht.

Doch darum ging es bei mir ja gar nicht mehr. „I had it all!“ Ich muss mit Sechzig nicht mehr ständig vorn anstehen und demonstrieren, wie sehr „ich’s drauf hab“. Ich habe keine Lust mehr, mich ständig neu profilieren und „verkaufen“ zu müssen. Mit Sechzig weißt Du, wer Du bist, was Du kannst und was Du willst.

Allein, was mich wirklich ärgerte, war, dass ich in diesem Alter einfach gar nicht mehr wahrgenommen wurde. Wie konnten sie mir schreiben, dass „es nichts mit meiner Person zu tun habe“, obwohl sie mich als Person ja noch nicht ‚mal kennengelernt, besser gesagt erlebt hatten, mir dazu von vornherein keine Gelegenheit gaben?!

Ich bemerkte, dass ich mich eigentlich nur noch für mein Geburtsdatum entschuldigen musste; bei der Jahreszahl 1958 fiel ich bereits mit meinen persönlichen Daten durch’s Raster. Sollten meine kopfschüttelnden Bekannten und die stirnrunzelnde Dame vom Rentenamt, von der ich mir „spaßeshalber“ eine Meinung einholte, Recht behalten? War ich wirklich so naiv, zu glauben, ich hätte jetzt noch eine berufliche Chance?! Machte ich mich gar lächerlich?!

Sechzig ist die neue Vierzig!

Allem Anschein nach traute mir ja keiner mehr etwas zu. Ein neuer anspruchsvoller Job mit Sechzig …das könne ich vergessen, das sei ja schon mit Fünfzig nahezu unmöglich! Quasi höflich durch die Blume wurde mir vermittelt, dass ich chancenlos sei. Doch ich wollte mich mit der Option, in naher Zukunft ein Couch-Potato zu werden, einfach nicht abfinden.

Es war Zeit, Schluss zu machen mit sämtlichen Vorurteilen und Klischees gegenüber älteren Arbeitnehmern, gegenüber älteren Menschen überhaupt! Ich wollte Wertschätzung und Anerkennung und nicht „zum alten Eisen abgestempelt werden“, dem Schrott, der keinen Gebrauchswert mehr besitzt, und … änderte daher meine Strategie. Und … meine Ansprache im Bewerbungsschreiben.

Anstelle einer langweiligen, nach DIN-Standards gestrickten, Bewerbung ging ich gleich in die Vollen, fokussierte ganz offensiv mein „Alters-Dilemma“ und machte mit „Ja, ich bin sechzig, aber das heißt nicht, dass ich automatisch zum Club der alten Schachteln zähle“ gleich zu Anfang eine Aussage, welche dieses Klischee direkt infrage stellt.

Außerdem änderte ich mein Bewerbungsfoto. Ich wählte ein authentisches Bild von mir und meinem wunderschönen Schimmel und erklärte: „Mein Bewerbungsfoto zeigt mich absichtlich nicht im Kostüm, nicht in schwarz-weiß und mit verschränkten Armen vor der Brust, sondern so, wie ich bin…natürlich und gut gelaunt mit meinem besten Mitarbeiter!“

Raus aus der Komfortzone

Seltsamerweise schien diese neue Ansprache zu wirken, denn ich bekam tatsächlich kurz darauf mehrere Anrufe von Personalern, die eine erfahrene Assistenz der Geschäftsleitung oder jemandem im Marketingbereich suchten. Auch meldete sich ein Headhunter, der über XING auf mich aufmerksam geworden war, und ich hatte alsbald sogar einige Vorstellungsgespräche. Immerhin war ich nun zumindest wieder sichtbar im Markt. Ich freute mich, dass ich nicht aufgegeben hatte. Doch … ich konnte mich nicht entscheiden.

Die mir angebotenen Jobs waren irgendwie noch nicht die richtigen für mich… der eine passte inhaltlich nicht, der andere war top auf mich zugeschnitten, jedoch mit einer viel zu langen Fahrtzeit verbunden, der dritte ließ mich zweifeln aufgrund dessen, was ich im Internet über das Unternehmen las.

Für mich stand eines fest: Wenn ich jetzt nochmal etwas Neues anpacken würde… dann sollte dies das Highlight in meiner beruflichen Laufbahn sein, frei nach Jack Nicholson und Morgan Freeman „Das Beste kommt zum Schluss!“

Alles sollte passen… vor allem wollte ich Freude an meinem Job haben, für meine Leistungen ordentlich bezahlt und wertgeschätzt werden. Ich wollte ein gutes Betriebsklima, ehrliche Kollegen und einen ordentlichen Chef, der seinen Mitarbeitern zuhört und diese einbezieht… keinen Patriarchen an der Spitze eines Unternehmens, der von sich glaubt, alles besser zu wissen und nach „Command and Control-Mechanismen“ führt. Von dieser Species hatte ich genug.

Plötzlich verspürte ich richtig Lust, einfach nochmal etwas ganz Anderes zu machen. Warum eigentlich wieder in die Industrie gehen, warum nicht zum Schluss etwas Neues wagen, etwas Großartiges probieren… was hatte ich denn zu verlieren?! Ich konnte doch nur noch gewinnen … einfach nochmal ‚raus aus der eigenen Komfortzone! Das musste spannend werden. Ich schickte eine Initiativbewerbung an die Agentur „Des Wahnsinns fette Beute“. Und … erhielt prompt eine Absage.

Der Geschäftsführer teilte mir freundlich mit, dass aktuell keine Stelle ausgeschrieben sei, dass wir uns ja vielleicht einmal zu einer anderen Gelegenheit in Attendorn über den Weg laufen würden. Immerhin freundlich, dachte ich und schrieb ebenso freundlich zurück.

Fettbeuter... ich komme!

Kurze Zeit darauf passierte dann das eigentlich Unmögliche. Ich hörte, dass bei der „Fetten Beute“ plötzlich gleich drei Jobs zu vergeben seien und bewarb mich ein zweites Mal. Jetzt war die Gelegenheit, sich doch noch über den Weg zu laufen. Und… es klappte, obwohl keine der ausgeschriebenen Stellen zu mir passte.

Dass Jörg Hesse und Sibylla Kalverkämper sozusagen aus dem Nichts einen Job für mich kreierten, finde ich heute noch absolut bemerkenswert und unglaublich! Seit einem halben Jahr bin ich nun unterwegs als „Fettbeuterin“ im Bereich Management-Assistenz und Public Relations und wie soll ich es sagen… in einer völlig neuen Challenge!

Ich bin also genau da angekommen, wo ich hinwollte, wie schön!

Back to the roots arbeite ich heute wieder in meiner Heimatstadt Attendorn und kann mich bei Themen einbringen, die mich bereits in jungen Jahren bei Procter & Gamble begeistert haben… Organisationsentwicklung, mitarbeiterorientierte Unternehmensführung, Firmenkultur, Kommunikationsarbeit. Das ist tatsächlich sogar mehr als ich wollte.

DWFB kümmert sich nicht um Klischees, schert sich weder um Altersgrenzen noch um irgendwelchen anderen gesellschaftlich karierten Unsinn. Hier erlebe ich Inspiration; Menschen beflügeln sich gegenseitig mit Ideen und Spaß am gemeinsamen Wirken, kommen einfach gern zur Arbeit, weil auch ungewöhnliche, wahnsinnige Taten und Charaktere zugelassen und gewünscht sind. Weil Strategen, Konzeptioner, Projektmanager, Grafiker, Digitale und Filmer … einfach Jung und Alt zusammen viele Dinge tun, um Kunden zu begeistern. Mit wahnsinnig interessanten Themen.

Vor allem mit dem Thema, wie Unternehmer mit Markenarbeit zu mehr Kundenloyalität und Arbeitgeberattraktivität gelangen, was sinusbasiertes Employer- und Leadership Branding bedeuten, wie richtiges Recruiting funktioniert und warum familienfreundliche Unternehmen es zukünftig einfacher haben.

In systemischen Workshops lernen Führungskräfte etwas über ihre eigene Sinnhaftigkeit, finden mit Impulsen von DWFB selbst den Sinn und Zweck ihres eigenen Unternehmens heraus und lernen, ihre neu gemachten Erfahrungen, ihre selbst gefundene Marke, für ihren gemeinsamen Erfolg zu nutzen.

Was täglich um mich herum passiert, was ich hier noch immer verwundert wahrnehme, hat bei weitem nichts mit der Arbeit in einer normalen Werbeagentur zu tun. Hier geht es um New Work und Customer Experience Management, um die Lust zu gewinnen und um den „Erfolgsfaktor Mensch“. Nicht Erfolg macht glücklich, sondern Glück führt zum Erfolg, habe ich gelernt; dass DWFB als Spezialist für Markenführung bereits den „German Brand Award“ gewonnen hat und als Mentor die „Gründer des Jahres“ unterstützt, junge Menschen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Inzwischen war ich Teilnehmerin beim Zukunftsforum mit Richard David Precht und beim sogenannten BeuteBarCamp, bei dem ich mich plötzlich selbst in einer eigenen Session mit achtzehn Interessierten zum Thema Energie 60+ befand, wer hätte das gedacht!

Ich befasse mich mit Inbound Marketing, Hubspot und Zimpel und nehme teil an Meetings und Events, in denen für mich „klingonisch“ gesprochen wird. Nie zuvor habe ich – die selbst aus mittelständischen Unternehmen kommt – eine solche Fachsprache gehört. Gerade in den ersten Wochen meines neuen „Fettbeuter-Daseins“ kam ich mir vor wie im Raumschiff Enterprise mit Captain Kirk und seiner Mannschaft und fragte mich, wie ich unseren Bekannten erklären sollte, wo ich mich hier befinde und woran ich arbeite. Das verstand kein Mensch! Doch hier … wissen sie, wovon sie reden!

Des Wahnsinns Fette Beute ist für mich vor allem eins: eine echte Denkfabrik! Hier denken Menschen über wahnsinnige Dinge zum Wohl von mittelständischen Unternehmen nach. Und ich bin mittendrin, erlebe Respekt… gegenüber dem Alter als auch gegenüber Mitarbeitern allgemein. Eigentlich eine selbstverständliche Haltung, die in meiner beruflichen Vergangenheit jedoch oft ein Fremdwort war.

Obwohl alles völlig anders für mich ist, ich mich täglich mit neuen Eindrücken, mit meinem neuen Macbook auseinandersetzen und eine weitere Fremdsprache – die der Marketeers – lernen muss, genieße ich hier auch echte Freiheit und kann nur jedem älteren Mitmenschen, der sich weiterhin beruflich einbringen möchte, empfehlen, es mir gleich zu tun.

Nicht aufzugeben, sich keinen Vorurteilen zu beugen und nicht an sich selbst zu zweifeln, sondern den eigenen Weg kontinuierlich weiterzuverfolgen, um glücklich zu bleiben.

Energie 60+ ist zu meinem persönlichen Thema und Herzensanliegen geworden. Energie 60+ …darin stecken eine Menge Potenzial und gute Werte wie Wissen, Erfahrung, Zuverlässigkeit, ja auch gutes Benehmen und Charakter. Werte, von denen junge Leute lernen können…genau wie wir, die Oldies von den Youngsters lernen können, uns in einer neuen Arbeitswelt zurechtzufinden, sofern wir es nur wollen. „Anstatt Rente lieber fette Beute!“… das ist mein selbst erwähltes Motto, mit dem ich voller Spannung und Neugier weitermache, bis mir mein Spiegel das Gegenteil empfiehlt.

WAHNSINNIGE JOBS

Themen: Employer Branding, Agenturleben